Pferd Wilkes

 

Einwanderer und Ihre Pferde

Als Kolumbus Amerika entdeckte, war das Pferd auf dem nordamerikanischen Kontinent seit 60 Millionen Jahren ausgestorben. Das ursprünglich vorhandene Urpferd, welches nicht größer als ein Fuchs war, hatte sich nur in Asien und Europa zum Pferd weiterentwickelt.

So brachten die spanischen “Eroberer” die ersten Pferde in die neue Welt mit. Dabei handelte es sich um meist berberähnliche Typen, die oft eine laterale Gangveranlagung besaßen. Um 1609 brachten englische Siedler ebenfalls Pferde nach Amerika (Jamestown). Bei diesen Pferden handelte es sich größtenteils um kleine, zähe “Passgeher”. (In historischen Schriften der damaligen Zeit gab es keinen Unterschied zwischen Tölt und Pass!) Es waren Pferde wie die Irish Hobbys oder Scottish Galloways, eher robuste ponyähnliche Typen.

Aber auch die Holländer brachten ihre Pferde in die neue Heimat mit, z.B. nahmen sie um 1635 genau 27 Stuten und drei Hengste nach Salem mit. Die holländischen Reitpferde waren größer (ca. 1,50 m Stckm.) stärker und grobknochiger als die englischen Ponys und daher als Arbeitspferde viel beliebter. So brachte jede Siedlergruppe eigene Pferdetypen mit, viele davon hatten die damals übliche laterale Veranlagung, die in Europa durch Militarisierung und Fahrwesen später systematisch weggezüchtet wurde.

Die verschiedensten Pferdetypen der Siedler vermischten sich untereinander und bildeten den Grundstock aller heutigen amerikanischen Pferderassen.

Passrennen in Amerika

Viele der damaligen Siedler lebten streng puritanisch, Glücksspiel und Rennen waren verpönt. Allerdings fand man in der Gegend um Rhode Island weniger streng lebende Kolonisten, als in den übrigen Siedlungsgebieten. Dort waren Pferderennen nicht nur erlaubt, sondern sogar sehr beliebt, und deshalb brachte man nach 1636 die besten englischen Passgeher dorthin, um zu züchten. Dabei entstand der berühmte Narragansett Pacer, benannt nach einer Bucht, der Narragansett Bay.

Der Narragansett Pacer war ein kleines (ca. 1,40 m), oft fuchsfarbenes, nicht besonders elegantes Reitpferd. Sein Hals war kurz, er besaß viel Schweif und Mähnenhaar und eine oftmals kuhhessige Stellung der Hinterbeine. Aber er beherrschte fast ein Jahrhundert lang die damalige, noch kleine Rennpferdeszene, war als bequemes Damenreitpferd und Plantagenpferd beliebt und wurde sogar nach Kuba und zu den karibischen Inseln exportiert.

Doch als das Straßennetz immer besser ausgebaut wurde und die Menschen, statt zu reiten lieber bequem im Wagen reisen wollten, wurden größere und elegantere Pferde modern. So ging der ursprüngliche Narragansetttyp verloren, doch sein Blut fließt heute noch im American Standardbred (Traber und Rennpasser), American Saddlebred, Tennessee Walking Horse und im Missourien Foxtrotter.

Pferd Messenger

Import von englischen Rennpferden

Als Pferderennen im Norden der USA immer beliebter wurden, begannen die Leute englische Vollblüter zur Verbesserung ihrer Zucht zu importieren. Diese Pferde wurden von den Einheimischen etwas spöttisch als “Gewächshausblumen” bezeichnet.

Eine dieser Gewächshausblumen war der Schimmelhengst “ Messenger”, dieser ist maßgeblich an der Entstehung des amerikanischen Trabers beteiligt.

Messenger war rund 1,58 m groß. Er war kräftiger und größer als die sonst üblichen Vollblüter des orientalischen Typs. Sein Kopf war relativ lang und knochig mit vorgewölbter Nase, weiten Nüstern und großen, spitzen, aufmerksamen Ohren. Er hatten einen etwas kurzen, aber sonst gutgeformten Hals, mächtige, etwas steile Schultern, einen guten Rücken und eine auffallend kräftige und stark bemuskelte Hinterhand. Er war ein eher dominantes Pferd, aber immer leistungsbereit und willig. Allerdings duldete er keine Vertraulichkeiten mit Fremden.

Pferd Mambrino

Messenger war 1780 in England geboren, über seine Vaterlinie geht er über “Mambrino”, Sampson, Blaze und Flying Childers auf den Araber Darley Arabian zurück. Schon sein Vater Mambrino hatte ein auffallendes Trabvermögen und von dem Urgroßvater Blaze stammt auch der Hengst “ Old Shales”, der Stammvater der englischen Norfolk- Hackney Traber!

Stammvater Hambletonian

Messenger begann seine Rennkarriere im Alter von 3 Jahren. Von 16 Starts gewann er 9x und wurde 4x plaziert. Sein letztes Rennen lief er fünfjährig in New Market. Danach wurde er nach Amerika verkauft und kam 1788 in Philadelphia an. Seine Decktaxe betrug anfangs 15 Dollar, steigerte sich aber auch mal bis 30 Dollar hinauf. Dabei deckte er an verschiedenen Orten, die letzten 5 Jahre in der Gegend von New York und Long Island, und zeugte neben einigen guten Galoppern (Vollblüter) vor allem gute und schnelle Trabrennpferde, diese mit ebenfalls schnellen Trab- oder Passgehenden “Roadmares” der damaligen Zeit.

Messenger starb am 28.01.1808, 28 jährig auf Long Island. Da viele der von ihm gedeckten Stuten nicht registriert waren, ist die genaue Zahl seiner Nachkommen schwer zu bestimmen.

Berühmt haben ihn jedenfalls seine trabenden Nachkommen gemacht, nicht seine galoppierenden, und dies vor allem durch seinen Urenkel “Hambletonian” . Dieser gilt als Stammvater des amerikanischen Trabers und wurde damals mit der Nummer 10 ins Standardbredregister aufgenommen. 99 % der heutigen Traber gehen auf ihn zurück.

Hambletonian wurde am 5. Mai 1849 geboren, er war stark auf Messenger ingezogen. Sein Vater Abdallah wurde als erstes Pferd ins Standardbredregister eingetragen. Abdallah wurde als ein rattenschwänziges Pferd mit grobem Kopf, mißmutigem Charakter und soviel Haaren an den Beinen, daß man eine Matratze damit stopfen konnte, beschrieben. Aber auch als sehr schneller Athlet und grandioser Kämpfer, und er hatte als Erzeuger guter Rennpferde seinen Ruf.

Auf alten Abbildungen von Hambletonian können wir es heute noch sehen: Auch dieses Pferd war keine klassische Schönheit. Nicht sehr edel mit grobem Kopf und stark überbaut. Aber er strotzte vor Kraft, hatte stabile Hufe und Knochen, und war extrem gut bemuskelt mit sehr kräftiger Hinterhand.

Pferd Hambletonian

Hambletonian hatte eine durchschlagende Trabveranlagung und er war sehr fruchtbar! In 25 jähriger Decktätigkeit zeugte er 1333 lebende Fohlen!! Darunter waren auch 150 Söhne, die als Beschäler Verwendung fanden. Hambletonian war ein Brauner, wie auch fast alle seiner Nachkommen.

Seine drei wohl berühmtesten Söhne waren:

George Wilkes, geb. 1855

Mitbegründer der Tenessee Walker, Liniengründer der Axworthy und Mc Kinney Linien der Standardbreds = amerikanische Trab- und Passrennpferde

Happy Medium, geb. 1862

Großvater von Peter the Great

Electioneer, geb. 1867

Großvater des Stutenerzeugers Bingen

George Wilkes war ein kleines Pferd von gerade 1,52 m Stm. Er lenkte die Aufmerksamkeit auf sich, als er in drei Einzelläufen den damals berühmtesten Traber Ethen Allen, einen Hengst mit Morgan Abstammung, schlug.

Bis dahin galten die Morgans mit ihrer hohen Aktion als die schnellsten Trabrennpferde. George war ein schicker Rotbrauner mit freundlichem

Pferd George Wilkes

Charakter, aufsehenerregender Mechanik, und seine Nachkommen erbten sie alle von ihm. George passte und trabte sehr schnell, wechselte beide Gangarten sehr einfach und gewann auch Rennen in beiden Kategorien.

George ist auch der Urgroßvater des Standardbredhengstes Allen F1, dem Stammvater der Tennessee Walker!

Golden Cross

Es gab damals eine Kreuzung, die man den Golden Cross nannte: Man fuhrte Pferde mit dem Blut von George Wilkes mit Pferden zusammen, die das Blut von Mambrino Patchen hatten, und erzeugte damit die schnellsten Rennpferde der damaligen Zeit. Mambrino Patchen war ein Sohn von Mambrino Chief. Dieser war ein ausnehmend schönes und gut gebautes Pferd. Damalige ,'Pferdekenner" bezeichneten ihn als schönstes Pferd, welches sie jemals sahen. Auch Mambrino Chief führte Messenger Blut. Auf ihn geht auch eine Linie der Tennessee Walker und die "Chief” Linie der American Saddlebreds zurück.

Ein Vertreter dieser berühmten Wilkes x Patchen Kreuzung war Alcyone, der der Vater des Standardbred Linienbegründers Mc Kinney ist. Ein Halbbruder Mc Kinneys, der Standardbred Hengst "Darknight", wurde noch vor dem Jahre 1900 nach Deutschland gebracht, um die deutsche Traberzucht zu verbessern.

Ein anderer Vertreter des "Golden Cross" war Axteil, der über seinen Sohn Axworthy ebenfalls zum Begründer einer Standardbred Linie wurde.

Diese Axworthy und natürlich der Happy Medium Enkel "Peter the Great", sind in den Pedigrees aller zur Zeit in Amerika und in Deutschland populären Deckhengste der Traberzucht gehäuft weiter hinten (5-10 Generationen) zu finden.

Gangprobleme

Peter the Great selbst war ein mittelmäßig erfolgreiches Rennpferd. Er ging beim Antrainieren lieber Pass und mußte vorne ziemlich schwer beschlagen werden, um zu traben. In den Kentucky Futurities für Zweijährige trug er 510 g pro Vorderhuf und gewann damit. Später konnte man ihn etwas leichter machen. Er war allerdings ein viel besserer Vererber als ein Renncrack.

Seine bei den berühmtesten Söhne "Peter Volo" und "Peter Scott" sind jedem Traberzüchter ein Begriff.

Auch der Hambletonian Sohn Electioneer hatte Söhne mit "Gangproblemen"! May King, Vater des Stutenerzeugers Bingen mußte fürs Rennen vorne so schwer gemacht werden, daß er im Rennen vorzeitig ermüdete. Die Mutter von Bingen war die Stute "Young Miss", ebenfalls eine George Wilkes Enkelin. Somit wurde schon damals oft Linienzucht betrieben, was zur Ahnenhäufung bei unseren heutigen Trabern führt. Bingens Großmutter mütterlicherseits war auch Enkelin von George Wilkes und wurde um die Jahrhundertwende nach Deutschland verkauft.

Pass- und Trabrennen

Bingen selbst, der viele gute Traberzuchtstuten gebracht hat, zeigte beim Einfahren "unreinen Gang". Auch für ihn mußte erst der passende Beschlag gefunden werden. Dabei stellt sich natürlich die Frage, warum diese Pferde nicht einfach in Passrennen gestartet wurden. Doch damals waren Passrennen in Amerika wesentlich unpopulärer als Trabrennen und es galt als Motto:

NO GENTLEMAN DRIVES A PACER

Heute ist es eher umgekehrt: Passrennen sind beliebter in den USA, da sie schneller sind als Trabrennen. Allerdings sollte nach Meinung der Traberzüchter auch das Trabrennpferd einen guten Schuß Pacerblut fuhren für den "Speed"! So kommt es, daß eigentlich alle amerikanischen Standardtraber mehr oder weniger stark lateral veranlagt sind. Viele Pferde dort starten nach erfolgloser Traberkarriere erfolgreich als Passer, sie werden einfach "umgestellt", d.h. anders trainiert und anders beschlagen. Da praktisch alle unsere deutschen Traber seit Generationen mit Standardbredblut veredelt wurden und zur Zeit alle in Deutschland eingesetzten Traberdeckhengste amerikanische Abstammung aufzuweisen haben, dürfte es jedem Leser längst klar sein, woher die Tölt- und Rennpassveranlagung bei unseren geliebten Töltenden Trabern kommt.

Vom Rennpferd zum Gangpferd

Vor rund 30 Jahren entdeckte Ursula Bruns die Gangveranlagung der deutschen Trabrennpferde und begann damit, einige Ex-Traber umzuschulen für den Freizeit- und Gangpferdereiter. Auch Lothar Schenzel, damals noch Mitarbeiter im Testzentrum in Reken, versuchte schon 1970 auf einer Equitana mit seinem Auftritt mit 4 Töltenden Trabern mit unterschiedlichen, teils gebisslosen Zäumungen, auf diese Pferde aufmerksam zu machen. Doch es war ein langer Weg, bis auch der letzte Zweifler von diesen einheimischen Gangpferden und ihrer natürlichen Gangveranlagung überzeugt war.

Ist er es bis heute ?

Geschichte und Gründung der IGTT

Vor knapp 20 Jahren gründete sich dann die IG Töltende Traber. Aus einem losen Zusammenschluß einiger weniger Interessierter, wurde nach und nach eine Interessengemeinschaft mit Satzung und festen Zielen:

- mit 70 Mitgliedern

- regelmäßigen Informationen auf der Mitgliederplattform der Homepage

- einer Vielzahl von Aktivitäten rund um den Töltenden Traber.

Ursula Bruns ist Ehrenmitglied der IG Töltende Traber. Es gibt die ersten gekörten Traberhengste für die Gangpferdezucht, eine kleine Sportprüfungsordnung, und wir sind sicher, daß es weiterhin für den Töltenden Traber auf der Popularitätsscala nach oben geht.